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Grübeln und Journaling

Vom Gedankenkarussell aufs Papier

Grübeln und Journaling Natali Tucci

Wir leben in einer Zeit, in der es fast unvermeidlich scheint, zu viel nachzudenken. Doch Grübeln ist nicht einfach nur intensives Nachdenken. Es ist etwas anderes: eine mentale Endlosschleife. Eine Art geschlossener Kreislauf, in dem Gedanken weder vorankommen noch sich verwandeln oder verarbeitet werden; sie wiederholen sich lediglich.

Wenn man es mit etwas Alltäglichem vergleichen wollte, könnte man an den Algorithmus sozialer Netzwerke denken: Je mehr man mit einem Inhalt interagiert, desto mehr vom Gleichen erscheint. Grübeln funktioniert ganz ähnlich. Je mehr wir um einen Gedanken kreisen (eine Sorge, eine Schuld, eine vergangene Szene), desto öfter taucht genau dieser Gedanke wieder auf und verstärkt den Kreislauf.

In diesem Zustand ist der Geist kein Ort der Erkenntnis mehr, sondern ein Ort der Sättigung. Eine ironische Situation im Zeitalter der Digitalisierung und der „technologischen Erleichterung“, die eigentlich unser Leben beschleunigen und vereinfachen soll, nicht wahr? Die Gedanken werden nicht miteinander verknüpft oder ergeben einen Sinn; sie überlagern sich, unterbrechen einander und erzeugen etwas, das an das Rauschen eines schlecht eingestellten Radios erinnert: ein ständiges mentales Störgeräusch.

Das Problem ist nicht nur kognitiver Natur, sondern auch physisch und emotional. Anhaltendes Grübeln aktiviert dauerhaft die Stressschaltkreise, erhöht den Cortisolspiegel und hält den Organismus in ständiger Alarmbereitschaft. Das Ergebnis ist oft ein paradoxes Gefühl: Wir sind mental überstimuliert, aber gleichzeitig kognitiv erschöpft. Wir denken die ganze Zeit nach, fühlen uns aber unfähig, irgendetwas zu entscheiden – völlig entfremdet von Körper und Geist: Eine „Kultur der Mortifikation“, wie es Fernando Ulloa nannte.

Im Gegensatz zur aktiven Reflexion, die es ermöglicht, Erfahrungen zu verarbeiten und Antworten zu finden, hält uns das Grübeln in einem zirkulären „Warum“ gefangen. Warum ist das passiert? Warum habe ich das gesagt? Warum fühle ich mich so? Das Denken wird retrospektiv und repetitiv, und statt psychische Bewegung zu erzeugen, führt es zum Stillstand.

Mit der Zeit kann diese Funktionsweise verschiedene Folgen haben: emotionale Blockaden, fehlender Bezug zum eigenen Körper, Schwierigkeiten wahrzunehmen, was wir im Hier und Jetzt fühlen. Es kann auch die Tendenz entstehen, sich anderen gegenüber übermäßig erklären zu wollen, als diene das Reden nur noch als bloßes Abladen. Wir reden viel, aber wir verarbeiten nicht unbedingt.

Wer Psychologie (und insbesondere Psychoanalyse) studiert hat, weiß, dass das In-Worte-Fassen fundamental ist. Wir wissen jedoch auch, dass nicht jedes Sprechen auch eine Verarbeitung bedeutet. Es gibt einen wichtigen Unterschied dazwischen, „mit einem anderen“ zu denken oder Gedanken lediglich „bei einem anderen“ abzuladen.

Und genau an diesem Punkt kommt ein einfaches, aber überraschend wirkungsvolles Werkzeug ins Spiel: das Journaling.

Journaling besteht im Grunde darin, aufzuschreiben, was wir denken oder fühlen. Nicht als literarische Übung oder mit der Absicht, etwas „gut Geschriebenes“ zu produzieren, sondern als Raum für die eigene Wahrnehmung. Ein Blatt Papier, auf dem das, was im Kopf kreist, den inneren Kreislauf verlassen und eine äußere Form annehmen kann.

Beim Schreiben geschieht aus kognitiver und psychologischer Sicht etwas Interessantes: Wir treten aus dem Gedanken heraus und können ihn beobachten. Es ist eine Übung der Metakognition – also die Fähigkeit, über das eigene Denken nachzudenken.

Das Blatt Papier fungiert dann wie eine Art Unterbrecher für die mentale Endlosschleife. Was sich zuvor im Kreis drehte, beginnt sich linear zu entfalten. Ideen ordnen sich, Gefühle finden Worte, und das, was eine diffuse Gedankenmasse war, gewinnt an Struktur.

Statt im mentalen Kreisverkehr festzustecken, eröffnen wir uns eine Ausfahrt.

Zudem bewirkt das Schreiben eine Externalisierung. Das Problem beansprucht nicht mehr ausschließlich den inneren Raum, sondern liegt vor uns auf dem Papier. Und wenn etwas sichtbar wird, wird es auch handhabbarer.

In der Psychologie ist in den letzten Jahren ein sehr nützlicher Begriff populär geworden, den ich persönlich sehr schätze, um diesen Prozess zu beschreiben: der „Zoom-out“. Das heißt, die Fähigkeit, Distanz zu gewinnen und die Situation aus einer breiteren Perspektive zu betrachten.

Wenn wir grübeln, verengt sich unsere Aufmerksamkeit. Der gesamte Fokus ist an einem spezifischen Punkt gefangen: ein Fehler, eine Sorge, eine unangenehme Emotion. Das Wahrnehmungsfeld schrumpft.

Journaling hingegen ermöglicht es, den Bildausschnitt zu erweitern. Beim Schreiben zeigen sich Nuancen, Verbindungen und Details, die zuvor unscharf waren. Was wie ein absolutes Problem wirkte, erscheint plötzlich als Teil von etwas Größerem.

Und das ist nicht unerheblich. Denn wie man in der Psychologie so schön sagt: Wohin die Aufmerksamkeit geht, dahin fließt das Leben. Wenn unsere Aufmerksamkeit von einem einzigen Gedanken gekapert wird, schrumpft auch unsere Erfahrung der Welt.

Schreiben ist also nicht nur Entlastung. Es ist auch eine Neuordnung der Erfahrung.

Es beseitigt keine Probleme und löst interne Konflikte nicht wie durch Zauberei. Aber es schafft etwas Wesentliches: mentalen Raum. Und manchmal ist genau dieser kleine Freiraum das, was wir brauchen, um aus der Schleife auszubrechen.

Vom Rauschen zum Wort.

Vom Gedankenkarussell aufs Papier.

Trauen Sie sich, genau wie ich, mit dem Journaling zu beginnen?

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Natali Tucci

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